Sinn Uhren aus Frankfurt
Im westlichen Frankfurt, genauer im Stadtteil Sossenheim, fernab der Metropolen der Uhrenindustrie, hat die Marke Sinn Spezialuhren ein einzigartiges Kapitel deutscher Uhrmacherkunst geschrieben. Für Uhrenliebhaber aus der Rhein-Main-Region ist Sinn nicht nur eine Marke, sondern ein Stück Frankfurter Identität – robust, zuverlässig und ohne unnötigen Schnickschnack. Wie die Frankfurter Rippsche. Nein, ganz so dann doch nicht. 😉
Bemerkenswert ist die Standortwahl: Das Unternehmen hätte nur etwa 200 Meter weiter in Eschborn, das zum Main-Taunus-Kreis gehört, deutlich günstigere Gewerbesteuern zahlen können. Doch Sinn entschied sich bewusst für Sossenheim und damit für Frankfurt – ein klares Bekenntnis zu „Mainhattan“ und seinen Wurzeln, das die Verbundenheit mit der Stadt unterstreicht. (So meine Recherchen)
Meine Führung durch das Sinn-Hauptquartier in der Wilhelm-Fay-Straße mit Marco Fenn war ein Eintauchen in diese besondere Uhrenphilosophie. Marco, den ich noch aus gemeinsamen Zeiten im Frankfurter Osthafen kenne, hat in seiner Rolle bei Sinn seine wahre Berufung gefunden. Er lebt Sinn. Wie seine Familie bereits vor ihm. Seine Erläuterungen waren nicht nur fachlich präzise, sondern spiegelten auch die Leidenschaft wider, die Sinn-Uhren so besonders macht. Ich war sehr sehr begeistert und kann keinen Unterschied zu einer Museumsführung in der Schweiz erkennen!
Von Helmut Sinn zum heutigen Erfolg
Die Geschichte von Sinn beginnt mit einer bemerkenswerten Persönlichkeit: Helmut Sinn, Pilot und Fluglehrer, gründete 1961 das Unternehmen mit dem Ziel, robuste Fliegerchronographen herzustellen. Seine Pilotenchronographen, damals unter dem Namen „Helmut Sinn Spezialuhren“, wurden direkt vertrieben – ein revolutionäres Konzept, das die üblichen Handelsspannen umging und hochwertige Uhren zu vernünftigen Preisen ermöglichte.
1994 verkaufte der damals 78-jährige Helmut Sinn sein Unternehmen an den Ingenieur Lothar Schmidt, einen ehemaligen Mitarbeiter von IWC und Lange & Söhne. Unter Schmidts Führung erfolgte die technologische Neuausrichtung der Marke, die heute für ihre innovativen Lösungen bekannt ist.
Die Sinn 903 und die Breitling-Verbindung
Eine der faszinierendsten Episoden in der Geschichte von Sinn ist die Entstehung der legendären Sinn 903. Als Breitling 1979 aufgrund der Quarzkrise in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und kurz vor dem Bankrott stand, ergriff Helmut Sinn die Gelegenheit und handelte einen ungewöhnlichen Deal aus: Er erwarb die Fertigungsteile, Werke und sogar die Produktionsrechte für Breitlings ikonische Navitimer. Hier das neueste Modell in limitierter Auflage, kaum zu bekommen.
Diese strategische Entscheidung ermöglichte Sinn die Entwicklung der 903 – einer Uhr, die der Navitimer nicht nur ähnelt, sondern praktisch identisch ist. Die charakteristischen Merkmale wurden beibehalten: das unverwechselbare 3-6-9-Tri-Compax-Zifferblatt, die markante Lünette mit Rechenschieberfunktion und logarithmischer Skala, mit der Piloten komplexe Berechnungen durchführen können, sowie das gesamte Design-DNA der Fliegeruhr.
Was andere Hersteller als „Hommage“ oder gar „Plagiat“ hätten deklarieren müssen, war bei Sinn vollkommen legal – er hatte schließlich die offiziellen Rechte erworben. Dies ist in der Uhrenbranche ein nahezu einzigartiger Fall, bei dem ein ikonisches Modell einer prestigeträchtigen Marke legal von einem anderen Hersteller produziert werden durfte.
Die Sinn 903 ist bis heute im Programm und wird von Kennern als „legale Navitimer-Alternative“ geschätzt. Sie verkörpert perfekt Sinn’s Philosophie: Uhrmacherkunst zu einem vernünftigen Preis anzubieten. Während die Breitling Navitimer heute zu deutlich höheren Preisen gehandelt wird, bietet die Sinn 903 eine technisch ebenbürtige Alternative – ein kleines Stück Uhrengeschichte, das die Turbulenzen der Quarzkrise überdauert hat.
Technologische Innovationen made in Frankfurt
Was Sinn von vielen Mitbewerbern unterscheidet, sind die hauseigenen Technologien. Die Trockenhaltetechnik mit Schutzgasfüllung verhindert das Eindringen von Feuchtigkeit und sichert die Ganggenauigkeit auch unter extremen Bedingungen. Die TEGIMENT-Technologie zur Oberflächenhärtung macht das Uhrengehäuse nahezu kratzfest – ein besonderes Merkmal, das bei vielen Sinn-Modellen zum Einsatz kommt.
Die Temperaturresistenztechnologie gewährleistet, dass Sinn-Uhren selbst bei extremen Temperaturschwankungen zwischen -45°C und +80°C zuverlässig funktionieren – ein wichtiges Kriterium für den professionellen Einsatz bei Spezialeinheiten, Tauchern oder Piloten.
Ikonische Modelle
Während meiner Führung durfte ich einige der legendären Sinn-Modelle näher kennenlernen:
Die Sinn 140/142 – der erste deutsche Weltraumchronograph, der 1985 mit dem Astronauten Reinhard Furrer an Bord der Spacelab-Mission D1 ins All flog.
Die Sinn EZM-Serie (Einsatzzeitmesser) – speziell für professionelle Anwender wie Spezialeinheiten, Feuerwehr und Rettungsdienste entwickelt. Die Reduktion auf das Wesentliche und die kompromisslose Funktionalität machen diese Serie besonders begehrenswert.
Die Sinn U1 – die Geburt einer Taucheruhren-Ikone. Mit ihrer Einführung im Jahr 2005 definierte Sinn neu, was eine professionelle Taucheruhr leisten kann. Das Gehäuse aus U-Boot-Stahl, der spezielle hochfeste, seewasserbeständige Stahl, der auch im deutschen U-Boot-Bau verwendet wird, macht die U1 korrosionsbeständiger als herkömmliche Taucheruhren. Die markante Gestaltung mit den leuchtenden roten Elementen auf tiefschwarzer Lünette und dem klaren, ablesbareren Zifferblatt hat der U1 schnell Kultstatus eingebracht. Mit einer Wasserdichtigkeit von 1.000 Metern übertrifft sie die Anforderungen professioneller Taucher bei weitem und ist durch die TEGIMENT-Technologie zudem extrem kratzresistent.
Die Sinn UX – ein technologisches Meisterwerk unter den Taucheruhren. Was die UX besonders macht, ist die vollständige Ölfüllung des Gehäuses. Durch diese radikale Technologie werden Reflexionen unter Wasser minimiert und die Ablesbarkeit bei jedem Winkel gewährleistet – ein entscheidender Sicherheitsfaktor für Berufstaucher. Die Wasserdichtigkeit ist praktisch unbegrenzt, da kein Druckunterschied zwischen dem Inneren der Uhr und der Umgebung entsteht. Dies wurde durch extreme Tests bei der Wehrtechnischen Dienststelle 91 der Bundeswehr bestätigt – die UX funktioniert selbst in Tiefen von mehreren Kilometern zuverlässig. Trotz der Ölfüllung läuft das Quarzwerk mit höchster Präzision und ist temperaturkompensiert, um auch unter extremen Bedingungen genaue Zeitmessung zu garantieren.
Frankfurter Identität
Was bei meinem Besuch besonders deutlich wurde: Sinn ist tief in Frankfurt verwurzelt. Die Manufaktur in Sossenheim verkörpert deutsche Ingenieurskunst und hanseatische Zurückhaltung gleichermaßen. Keine protzigen Uhren, sondern technisch ausgefeilte Zeitmesser, die durch ihre Funktionalität überzeugen.
Für Uhrenliebhaber aus der Region ist ein Besuch bei Sinn fast schon Pflicht – nicht nur wegen der beeindruckenden Uhren, sondern auch wegen der herzlichen Frankfurter Gastfreundschaft, die mir Marco während meines Besuchs entgegenbrachte. Sinn Uhren sind mehr als Zeitmesser – sie sind ein Stück Frankfurter Geschichte am Handgelenk.












